Ich habe jahrelang Tae Bo gemacht. Wer das nicht kennt: Schattenboxen mit Musik, voller Körpereinsatz, viel Spass. Und ab und zu gab es Conventions (Ganztagesevents, von 9.30 bis 15.30 Uhr, fast durchgehend Training).
Bereits nach 30 Minuten knurrte mir der Magen. Laut und unangenehm, manchmal hatte ich sogar Magenkrämpfe. Ich zählte die Minuten bis zur Mittagspause, kaum in der Lage mich auf die Choreografie zu konzentrieren. Zwischendurch trank ich mal einen Schluck, weil man im Tae Bo so richtig ins Schwitzen kommt.
Das habe ich einige Jahre (und einige Conventions) so durchgezogen.
Bis ich irgendwann auf die Idee kam, vorher mehr zu trinken. Und plötzlich: kein Magenknurren mehr, keine Quälerei bis 12 Uhr. Der vermeintliche Hunger war gar kein Hunger gewesen. Es war Durst.
Ich erzähle dir das, weil es zeigt wie leicht wir die Signale des Körpers falsch interpretieren. Was sich nach Hunger anfühlt, kann Durst sein. Was sich nach schlechter Regeneration anfühlt, kann Flüssigkeitsmangel sein. Was wir dem Training in die Schuhe schieben, liegt manchmal ganz woanders.
Wie viel Flüssigkeit brauchst du als Sportler wirklich? Und woran merkst du, wenn es zu wenig ist? Genau das schauen wir uns jetzt an.
Wie viel Wasser brauchst du wirklich?
Die Zahl, die die meisten kennen: 2 Liter pro Tag. Sie geistert durch Ratgeber, Ernährungs-Apps und gut gemeinte Ratschläge. Aber sie erzählt nur die halbe Geschichte.
Denn 2 Liter gilt für einen durchschnittlichen Erwachsenen an einem durchschnittlichen Tag. Du bist Sportler. Dein Tag sieht anders aus.
Schon im Alltag verlierst du mehr Flüssigkeit als du denkst: durch Atmung, durch die Haut, durch Heizungsluft im Winter oder Klimaanlage im Sommer. Wer viel am Schreibtisch sitzt, unterschätzt das gerne, weil man nicht schwitzt und deshalb annimmt, man verliert nichts.
Kommt dann noch das Training dazu, steigt der Bedarf spürbar. Bei einer Stunde moderatem Laufen verlierst du, je nach Temperatur und Körper, zwischen 0.5 und 1.5 Liter Flüssigkeit. Bei einem langen Ride oder intensivem Intervalltraining kann es deutlich mehr sein.
Eine einfache Faustregel: Wiege dich vor und nach dem Training. Jedes Kilo weniger entspricht ungefähr einem Liter Flüssigkeitsverlust. Was du verloren hast, solltest du in den nächsten Stunden wieder auffüllen, nicht alles auf einmal, sondern gleichmässig verteilt.
Wichtig zu verstehen ist hier: dein Körper braucht mehr als der Durchschnitt. Und er braucht es nicht nur während dem Training, sondern den ganzen Tag davor und danach.
Woran merkst du, dass du zu wenig trinkst?
Das Tückische am Flüssigkeitsmangel: dein Körper gleicht aus, so lange er kann. Bis er es nicht mehr kann und dann bist du schon in der Dehydration.
Durst ist dabei das späteste Signal, nicht das erste. Wenn du merkst dass du Durst hast, bist du oft schon leicht unterversorgt. Das klingt dramatischer als es ist, aber es erklärt warum so viele Sportler dauerhaft mit einem leichten Defizit trainieren, ohne es zu wissen.
Was sind die Zeichen, die früher kommen?
Urin ist dabei ein ehrlicher Indikator. Dunkelgelb bedeutet: trinken. Hellgelb bis fast klar ist das Ziel. Klingt banal, funktioniert aber zuverlässig.
Auch der Stuhlgang kann ein Hinweis sein. Ich weiss, das ist das Thema das niemand gerne anspricht. Aber der Darm braucht Flüssigkeit um seinen Job zu machen. Laut Bristol-Skala tendiert man bei Flüssigkeitsmangel Richtung Typ 1 oder 2, also zu hart und trocken.
Dann gibt es die Signale, die wir fast immer woanders suchen. Schwere Beine im Training, obwohl du eigentlich ausgeschlafen bist. Kopfschmerzen nach dem Lauf, Konzentrationsprobleme am Nachmittag. Muskelkrämpfe, die aus dem Nichts kommen und eine Regeneration, die sich zieht und zieht.
All das sind mögliche Hinweise auf zu wenig Flüssigkeit. Kein Beweis, aber ein Grund genauer hinzuschauen.
Und dann ist da natürlich mein persönlicher Klassiker: der falsche Hunger. Der Magen knurrt, die Stimmung sinkt und man denkt direkt ans Essen. Dabei wäre ein grosses Glas Wasser die einfachere Antwort gewesen.
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Was kannst du konkret ändern?
Theorie ist gut. Aber was heisst das jetzt für deinen Alltag? Drei Dinge, die du sofort umsetzen kannst, ohne deinen Tagesablauf auf den Kopf zu stellen.
Morgens starten, bevor der Durst kommt: Nach dem Schlafen ist dein Körper bereits leicht dehydriert. Ein grosses Glas Wasser direkt nach dem Aufstehen ist eine der einfachsten Gewohnheiten überhaupt, und eine der wirksamsten. Finde für dich selbst heraus, ob es Zitronenwasser sein muss oder ob du das Glas neben das Bett stellen willst.
Rund ums Training bewusst trinken: Nicht erst trinken, wenn du Durst hast. Am besten vor dem Training einen halben Liter, während längerer Einheiten regelmässig kleine Schlucke, danach auffüllen was du verloren hast. Dein Körper kann Flüssigkeit nicht auf Vorrat speichern, also hilft es auch nicht, kurz vor dem Start die Flasche zu leeren.
Am Schreibtisch das Trinken nicht vergessen: Wer viel sitzt, trinkt oft wenig, weil der Körper kaum Signale schickt. Eine Flasche auf dem Tisch hilft mehr als jede Erinnerungs-App. Wenn die Flasche leer ist, war es ein guter Tag. Lustigerweise trinke ich bei der Arbeit am meisten, da hier die Flasche immer neben mir steht.
Schau, was von diesen Impulsen zu dir passt, und fange vorerst mit einem an.
Flüssigkeit ist dein Fundament
Wir reden im Sport viel über Training, Technik und Ausrüstung. Über Flüssigkeit reden wir kaum, bis etwas nicht stimmt.
Dabei zeigt uns die Ernährungspyramide genau das: Flüssigkeit steht ganz unten, als breiteste Schicht, als Fundament von allem was darüber kommt. Nicht Proteine, nicht Kohlenhydrate, nicht Supplemente. Das Wasser kommt zuerst.
Das ist kein Zufall, denn ohne ausreichend Flüssigkeit kann dein Körper Nährstoffe schlechter transportieren, Stoffwechselprozesse laufen weniger effizient und die Regeneration stockt. Alles was du oben in die Pyramide packst, also gute Ernährung, gezieltes Training, smarte Erholung, wirkt nur so gut wie das Fundament darunter trägt.
Dabei ist Hydration einer der einfachsten Hebel überhaupt. Du brauchst dafür keine teure Ausrüstung oder ein kein kompliziertes Protokoll. Du brauchst nur die Bereitschaft, deinen Körper genauer zu beobachten und dein Handeln und deine Routinen zu hinterfragen.
Das nächsten Mal, wenn sich der Körper meldet, frag dich zuerst: Habe ich heute genug getrunken?
