Ich war Stammkundin bei meinem Osteopathen. Alle sechs Wochen, gleicher Termin, gleiche Verspannungen, gleiche Behandlung. Er hat sie gelöst und ich fühlte mich besser. Bis sich drei Wochen später alles wieder aufgebaut hat.
Was mir damals niemand gesagt hat: die Verspannungen waren nicht das eigentliche Problem. Sie waren die Antwort meines Körpers auf etwas anderes. Und solange ich nur die Verspannungen behandelt habe, kamen sie einfach wieder.
Erst als ich angefangen habe, meine Körperausrichtung anzuschauen, also wie mein Körper Belastung verteilt und wie meine Gelenke wirklich funktionieren, hat sich etwas grundlegend verändert.
Kennst du das? Verspannungen, die trotz Dehnen, trotz Massage und trotz Physio immer wiederkommen?
Dann lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Denn vielleicht ist die Verspannung gar nicht das eigentliche Problem, sondern nur das Symptom. Und der Zusammenhang, der dahintersteckt, wird erstaunlich oft übersehen.
Wieso entstehen Verspannungen?
Stell dir einen typischen Tag vor. Morgens früh raus, heute wartet ein stressiger Tag auf dich. Dann acht, neun Stunden am Schreibtisch. Ein paar Meetings, lange Zeit am Bildschirm, dein Kopf ist voll. Abends ins Training, weil das dein Ausgleich ist und du abschalten kannst.
Klingt nach einem produktiven Tag, was es am Schreibtisch sicherlich war. Aber für deinen Körper sieht das etwas anders aus.
Langes Sitzen verkürzt die Hüftbeuger, schwächt die Gesässmuskulatur und bringt die Wirbelsäule in eine Position, die sie stundenlang halten muss. Der Körper gewöhnt sich daran und passt sich an. Leider nicht zum Besseren…
Dann kommt das Training, das du mit einer Körperhaltung durchführst, die der Schreibtisch geformt hat.
Dazu gesellt sich Stress. Er kann die Muskelspannung erhöhen, die Atmung verändern und hält den Körper in permanenter Alarmbereitschaft. Wer unter Dauerstress steht, trägt das buchstäblich mit sich – in den Schultern, im Nacken, im unteren Rücken.
Muskeln, die dauerhaft unter Spannung stehen, tun das meist aus einem Grund: Sie gleichen aus, entweder den Stress und/oder eine Fehlhaltung. Irgendwo stimmt die Belastungsverteilung dann nicht, ein Gelenk wird nicht optimal genutzt, eine Struktur übernimmt mehr als ihr vorgesehener Anteil. Und der Körper sichert das mit Spannung ab.
Die Verspannung ist also nicht das Problem. Sie ist die Antwort auf ein Problem.
Was bei Verspannungen nur wenig hilft
Wenn die Verspannung da ist, greifen die meisten zur Faszienrolle, dehnen oder buchen einen Massage-Termin. Fühlt sich sinnvoll an und kurzfristig hilft es auch. Und dann kommt die Verspannung wieder…
Die Faszienrolle fördert die Durchblutung, reduziert das Spannungsgefühl und ist ein gutes Werkzeug fürs Warm-up oder Cool-down. Aber sie verändert nichts an der Ursache.
Dehnen löst die Spannung kurz. Aber die Fehlhaltung, die Kompensation, die ungleiche Belastungsverteilung bleibt. Und solange die bleibt, geht der Muskel schlicht wieder zurück in seinen Ausgangszustand. Er hat ja noch denselben Job zu erledigen.
Mobility Training geht einen Schritt weiter. Es verbindet Dehnen mit Kräftigen. Du gewinnst Bewegungsraum und lernst gleichzeitig, ihn zu kontrollieren. Das ist schon deutlich mehr als passives Dehnen und kann dich beweglicher machen und allfälligen Fehlhaltungen entgegenwirken. Was Mobility Training genau ist und wie es sich vom herkömmlichen Dehnen unterscheidet, habe ich in diesem Artikel erklärt.
Aber auch das reicht oft nicht. Warum? Weil Mobility Training einzelne Bereiche verbessert, ohne zwingend das grosse Bild zu sehen. Wie dein Körper als Ganzes ausgerichtet ist. Wie die Belastung von Gelenk zu Gelenk weitergegeben wird. Und wo dabei etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Und mehr Sport? Auch keine Lösung. Im Gegenteil. Wer mit einer ungünstigen Körperausrichtung trainiert, verstärkt die bestehenden Muster. Der Körper wird fitter, aber in seiner Kompensation. Die Verspannung bleibt und manchmal wird sie sogar stärker.
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Was dein Körper wirklich braucht
Unser Körper ist seit rund 10’000 Jahren derselbe. Er ist fürs Laufen, Klettern, Tragen und Bewegen gemacht. Nicht fürs Sitzen. Nicht für acht Stunden Bildschirm und dann eine Stunde Hochintensivtraining. Genau deshalb lohnt es sich, einmal grundsätzlich hinzuschauen. Nicht nur welche Muskeln verspannt sind, sondern wie dein Körper als Ganzes ausgerichtet ist und wie er die Belastung verteilt.
Stell dir vor, dein Becken ist wie eine Schüssel voll mit Wasser. Kippt sie nach vorne kommst du ins Hohlkreuz und das Wasser läuft vorne raus. Deine Lendenwirbelsäule wird komprimiert und gerät so unter Druck, die Hüftbeuger arbeiten permanent, der untere Rücken verspannt. Denn er übernimmt jetzt eine Aufgabe, die eigentlich die gesamte Körperstruktur tragen sollte.
Wenn der Körper optimal ausgerichtet ist, stehen die Wirbel übereinander, das Gewicht wird gleichmässig verteilt und die Gelenke können tun, wofür sie gemacht sind. Ohr, Schulter, Hüftgelenk, Knie und Fussgelenk stehen in einer Linie, nur so kann der Körper effizient arbeiten.
Weicht diese Linie ab, übernehmen andere Strukturen. Muskeln, die eigentlich nicht für Stabilität zuständig sind, springen dann dauerhaft ein und werden dabei, du ahnst es, verspannt.
Körperausrichtung ist der Rahmen, in dem alles andere – Training, Mobility, Regeneration – erst wirklich wirken kann. Ohne diesen Rahmen flickst du. Mit ihm veränderst du etwas grundlegend. Das ist der Zusammenhang, den die meisten übersehen. Er ist nicht sonderlich kompliziert, aber wir haben gelernt, Symptome zu behandeln, statt die Ursachen.
Was du jetzt tun kannst
Der erste Schritt ist einfacher als du denkst: Fang an zu beobachten.
Wie stehst du, wenn du auf den Bus wartest oder an deinem Stehtisch? Wo trägst du dein Gewicht – eher auf einem Bein? Eher auf den Fersen oder dem Vorfuss? Wie sitzt du jetzt gerade, während du das hier liest?
Dafür ist kein Körperwissen nötig, nur ein bisschen Neugier für den eigenen Körper, die sich auf jeden Fall lohnt.
Und dann: Schau dir an, wo und wann deine Verspannungen immer wieder auftauchen. Du willst einfach mal beobachten und Muster erkennen.
Wenn du das Ganze systematischer angehen willst, also wirklich verstehen, wie dein Körper ausgerichtet ist, wo er kompensiert und was das mit deinen Verspannungen zu tun hat, dann ist der Performance Check der nächste sinnvolle Schritt. Wir schauen uns gemeinsam an, was dein Körper gerade macht. Und was er eigentlich bräuchte.
Mehr Infos zum Performance Check
Verspannungen sind kein Schicksal. Und sie sind auch kein Zeichen, dass du zu viel trainierst oder zu schwach bist. Sie sind ein Signal. Und Signale kann man lernen zu verstehen.
Häufig gestellte Fragen zu diesem Thema
Weil Dehnen die Spannung kurzfristig löst, aber nicht die Ursache verändert. Solange Fehlhaltung, Kompensationsmuster oder ungleiche Belastungsverteilung bestehen, kehrt der Muskel in seinen Ausgangszustand zurück. Er hat ja noch denselben Job zu erledigen.
Ja, kurzfristig. Die Faszienrolle fördert die Durchblutung und reduziert das Spannungsgefühl, was ideal fürs Warm-up oder Cool-down. Aber auch sie verändert nichts an der eigentlichen Ursache der Verspannung.
Nicht direkt. Aber wer mit einer ungünstigen Körperausrichtung trainiert, verstärkt bestehende Kompensationsmuster. Der Körper wird fitter, aber in seiner Fehlbelastung. Die Verspannung bleibt, manchmal wird sie sogar stärker.

[…] Warum sich Verspannungen nicht lösen – der Zusammenhang, den die meisten übersehen […]